Twitter Google+
Ein Passwort wird per E-Mail an Sie geschickt

María Cecilia Barbetta, geboren 1972 in Buenos Aires, kam 1996 mit einem DAAD-Stipendium nach Berlin und schrieb ihren ersten Roman „Änderungsschneiderei Los Milagros“, für den sie 2008 den aspekte-Literaturpreis und den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis erhielt, auf deutsch. Hierin erzählt sie von der liebeskummergebeutelten, tagträumenden Schneiderin Mariana, die für eine gleichaltrige junge Kundin ein Brautkleid umarbeitet, und verstrickt die Fäden der Handlung dabei zu einem prächtigen, reich mit Abbildungen illustrierten Stoff, der ständig zwischen Fantastischem und Realem oszilliert.

Pablo Ramos, 1966 geboren, gilt als einer der interessantesten neuen Autoren Argentiniens. Im Großraum Buenos Aires aufgewachsen, brach der literarische Autodidakt und Musiker früh die Schule ab. Die auch für ihr Engagement berühmte Schriftstellerin Liliana Heker förderte sein Schreibtalent; Pedro Ramos besuchte mehrere Jahre ihre Literaturwerkstatt, sie brachte ihn mit Verlagen in Verbindung. Nachdem er mehrmals für seine Lyrik ausgezeichnet wurde, erschien 1997 der erste Gedichtband, „Lo pasado pisado“. 2004 veröffentlichte er seinen ersten Roman „El orígen de la tristeza“ (Der Ursprung der Traurigkeit). Die dunklen Vorstadtabenteuer des jungen Gabriel wurden unter anderem ins Deutsche, Französische und Portugiesische übersetzt. Für seinen Erzählband „Cuando lo peor haya pasado“ erhielt Ramos zwei der wichtigsten Literaturpreise in Argentinien und Kuba. Sein letzter Roman „La ley de la ferocidad“ greift das Schicksal seines Helden Gabriel wieder auf, der als Erwachsener nach dem Tod seines Vaters in Verzweiflung versinkt und sich buchstäblich durch das Schreiben rettet. Ramos’ Bücher erscheinen überall in der hispanophonen Welt, in Uruguay, Chile, Peru, Kolumbien, Venezuela und Spanien.

Wie bereits im Titel seines ersten Romans anklingt, ist die Traurigkeit eine thematische Konstante im Werk von Pablo Ramos, denn sie ist fester Bestandteil des Alltags seiner Figuren. Genau wie die Lebensfreude, die Fähigkeit, bacchantische Feste zu improvisieren und die Schönheit zu erkennen, wo sie zum Vorschein kommt, selbst im Elend, selbst im Slum: „Im Sommer war alles perfekt, weil in allen Gärten Blumen blühten; und ihr Duft, zusammen mit der Hitze, den Schmetterlingen und dem Klang von Armandos Blasebalg, machte unsere Ecke zum schönsten Ort der Welt.“

Doch auch im Sommer bleibt der halbwüchsige Gabriel, der mit seiner Freundesbande Tag und Nacht durch das ausgedehnte Reich des Viadukt-Viertels und der verseuchten Flusslandschaft streift, nicht von Dramen verschont. Ein Freund, der in schlechte Gesellschaft geraten ist, wird bei einem nächtlichen Überfall auf ein Juweliergeschäft erschossen, Gabriels Mutter versucht sich umzubringen, als die Dreherwerkstatt des Vaters nicht mehr genug abwirft, um selbst das kärglichste Überleben der sechsköpfigen Familie zu sichern – und Gabriel macht auch noch sämtliche Freuden und Qualen der Pubertät durch, verliebt sich nacheinander in das Pin-up Andrea C., das splitternackt eine Wand der Werkstatt ziert, in Marisa, das einzige, allseits respektierte Mädchen der Bande, und schließlich in seine neue Spanischlehrerin Fräulein Florencia.

Daneben pflegt er Freundschaft mit Außenseitern wie dem fünfzigjährigen Rolando, der seine Sehnsucht nach Liebe in bedrohliche Mengen Alkohol ertränkt, vornehmstes Spanisch spricht und in einer Gruft haust. Rolando führt Gabriel in die Geheimnisse des Friedhofs ein, der für ihn Heimstatt und Broterwerb bedeutet, denn er kennt die besten Tricks, um sich als Grabpfleger anheuern zu lassen. Wie hier die Welt der Toten literarisch zum Leben erweckt wird, wie sich der Blick des erschrockenen Jungen nach und nach wandelt, gehört zu den Glanzstücken dieses Romans, der nicht umfangreich ist, aber viele Welten und Überraschungen birgt. Ramos pflegt einen lakonischen, direkten Stil, eine raue Poesie, und er hat ein ungeheures Gespür für Bilder, die er sparsam skizziert, aber höchst wirksam einsetzt: „Der Mond stand genau über dem Friedhof. Silbern und ölig schien er herab. Die hellen Marmorgräber beeindruckten mich am meisten. Sie sahen aus wie alte vergessene Spiegel, die boshaft glänzten.“

Die Erfahrungen des Jungen Gabriel, der in den achtziger Jahren nach Ende der Militärdiktatur bei Buenos Aires aufwächst und den wirtschaftlichen Niedergang, die Folgen der Umweltverschmutzung hautnah miterlebt, sind sicher auch die Erfahrungen von Pablo Ramos. Dazu sagte er in einem Interview mit der Übersetzerin Silke Kleemann: „Ich habe da einen Vorteil. Ich komme selbst aus einer sehr armen Familie.“ Allerdings hieße es die schöpferische Phantasie, das Einfühlungsvermögen und die poetische Gestaltungskraft dieses Schriftstellers zu unterschätzen, wollte man seine Texte auf das Autobiographische reduzieren. Dass das Schreiben für ihn aber Rettung bedeutet, genau wie für seinen Helden, der gegen den Tod anschreibt, daran lässt Ramos keinen Zweifel. Und so ist es nur konsequent, dass er an mehreren Abenden pro Woche nun seinerseits eine Schreibwerkstatt abhält, um anderen zur Rettung zu verhelfen.

bookmark me