Pier Paolo Pasolinis erste Buchveröffentlichung war der Gedichtband „Poesie a Casarsa“ von 1942, geschrieben in der Sprache des Städtchens Casarsa im Friaul. Pasolinis Liebe galt einer von ihm nie gesprochenen Muttersprache, einer Sprache des Begehrens nach einer anderen, eigenen, vor allem nicht väterlichen und nicht faschistischen Herkunft. Das Friulanische, den Dialekt seiner Mutter Susanna, hat der kaum Zwanzigjährige zu einer Kunstsprache erhoben, die das mütterliche Idiom den symbolischen Formen Pascolis und d’Annunzios anverwandelte. Diese ihm immer schon verlorene, nur durch philologische Rekonstruktion zugängliche Sprache eines anderen Ich greift Pasolini über dreißig Jahre später noch einmal auf. In seiner letzten Buchveröffentlichung zu Lebzeiten „La nuova gioventù“ von 1975 wiederholt er seine frühesten Gedichte und erhebt dabei ihre Sprache zur Sprache des Paradieses, zur Sprache des Eros der „bessern Jugent“, zur Sprache auch seines politischen Kampfes gegen den Übergang einer archaischen, agrarischen Ordnung in ein neues, globalisiertes System der Massenkultur.

Die im Verlag Urs Engeler erschienene Übersetzung des Dichters Christian Filips, von dem unter anderem die Lyrikbände „Schluck auf Stein“ (2001) und „Heiße Fusionen. Gesang von der Krisis“ (2009) erschienen, macht die erstaunliche Struktur dieser Obsession sichtbar: Gedicht gegen Gedicht, cuárp dentro cuárp, leyp wider leyp.

In Zusammenarbeit mit dem Italienischen Kulturinstitut Stuttgart

 

© 2010: Mit freundlicher Genehmigung von Christian Filips und Urs Engeler.

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