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Die deutsche Sprache ist im Ausland für ihre Doppelwörter bekannt. Wörter, die aus Deutschland heraus in das Vokabular anderer Sprachen gewandert sind und dort typisch Deutsches repräsentieren:

Kinder-Garten, Auto-Bahn, Leder-Hosen, Sauer-Kraut, Schäfer-Hund, Welt-Schmerz.

Aber was ist mit einer Schwäbin, die heiter, ohne Weltschmerz und Schäferhund ihr Leben verbringt? Ist das undeutsch? Wir können Jagoda Marinić fragen. Als schwäbische Bildungsinländerin kroatischer Eltern stellt sie seit längerer Zeit immer wieder die Frage: Was ist eigentlich deutsch in Deutschland? Im E-Book Rassismus sichtbar machen – Ein Plädoyer und ihrem 2013er Roman Restaurant Dalmatia spürte sie Fragen der Migration und Identität nach. Außerdem schreibt sie regelmäßig Artikel zum Thema.

Marinić, 1977 in Waiblingen geboren, lebt heute im pittoresken Heidelberg. Einem Ort, den man als Außenstehender gerne in die Schublade Romantik und Märchenwald einordnet. Aber ist das typisch deutsch oder nur PR-Klischee? Was ist mit Eiche, Schäferhund, Pünktlichkeit, Perfektionismus, Wurst? Im Gespräch mit Gabriele Müller-Trembusch geht es um Außen- und Innenwahrnehmungen der Bundesrepublik Deutschland, einem Einwanderungsland, das scheinbar gerade erst seine Einwanderer entdeckt hat.

Was ist deutsch in Deutschland?

2017 dominieren neue Doppelwörter die politische Landschaft. Ober-Grenze, Aus-Länder, Flüchtlings-Krise und nicht zuletzt, als Klimax des Ganzen, die Trias: Migrations-Hinter-Grund. Ein Hintergrund, der schnell zum Vordergrund wird. Marinić‘ Hintergrund, wie sie erzählt, ist die schwäbische Industrie. Angelehnt an ein Qualitätssiegel heißt ihr neuster Essay-Band dann auch Made in Germany. Was ist deutsch in Deutschland? Made in Germany, das ist sie selbst. Darin erzählt sie unter anderem von einem spezifischen Generationsverhältnis in Einwandererfamilien. Einerseits die Eltern, die ihre erste Heimat verlassen, um Wohlstand zu erlangen. Einen Wohlstand, den oft erst ihre Kinder erreichen. Und dann die Kinder, die zwischen zwei Kulturen aufwachsen, ohne jemals gefragt worden zu sein.

„Sie müssen werden wie eine deutsche Eiche. Die stört auch nicht jeder, der ihr ans Bein pinkelt“, hat ihr jemand einst mitgegeben. Dort ragt sie wieder, die Eiche. Kaum einer hat sie je gesehen, aber als Symbol geistert sie durchs Land. Und während in Deutschland gesellschaftliche Gewissheiten erodieren (ob diese Gewissheiten jemals Wahrheiten waren?), sagt die Wahrnehmung außerhalb Europas etwas anderes: „Es wirkte fast so, als sei Deutschland allen davongelaufen. Als sei Deutschland das mutigste, vitalste, interessanteste Land dieser Welt. Ein Land, das Diskurs kann, das Sicherheit kann. Und vor allem kann es Demokratie.“, erfährt Marinić auf einer ihrer Reisen nach New York. Angela Merkel sei eben nicht die „Kamikaze-Kanzlerin Europas“. Ehrlich gesteht Marinić dann, obwohl kein Angie-Fangirl, der Wahlspruch „Wir schaffen das“ sei wichtig gewesen. War das eine naive Durchhalteparole? Eine zu optimistische Worthülse, reine Behauptung, ein Wunschtraum? Gelassenheit? Jagoda Marinić wirkt gelassen, optimistisch und engagiert. Sie schaut genau hin und verliert dabei nicht den Blick nach Vorne.

Die Veranstaltung fand am 14.03.2017 im Literaturhaus Stuttgart statt.

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