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„Er fühle sich oft weniger wie jemand, der aus einem anderen Land kam, als wie jemand, der einer anderen Zeit entstammte“, so beschreibt Hanya Yanagihara den Protagonisten ihres zweiten Romans Ein wenig Leben, beschreibt das Aufwachsen eines Mannes mit dem klangvollen Namen Jude St. Francis. Jude ist hoch gebildet, enigmatisch. Er verbrachte seine traumatisierende Kindheit ohne Popkultur in einem Heim. Sein größter Lehrer war gleichzeitig seiner größten Dämon. Ein katholischer Bruder missbrauchte und verkaufte ihn.
„Er sprach Deutsch und Französisch. Er kannte das Periodensystem auswendig. Er konnte – ohne es zu wollen – große Teile der Bibel nahezu lückenlos aus dem Gedächtnis aufsagen. Er hätte bei der Geburt eines Kalbes helfen und einen Walnussbaum auf die effizienteste Weise abernten können.“

Der Post-Mann

„This book does suggest that, although one person can not save another, one person can destroy another“ sagt Autorin Yanagihara im Gespräch mit Andreas Platthaus, Literaturchef der FAZ. Zusammen gehen sie den Motiven von „Ein wenig Leben“ auf den Grund. Sein Leben lang bleibt Jude Opfer von Bevormundung und Ohnmacht, fast unfähig seine eigene Geschichte zu benennen, geschweige denn zu begreifen: „So he is caught in this eternal waiting-game of things to resolve themselves. And of course, they never will.“ Bald formt Jude ein Quartett mit drei anderen Männern: „Im Heim hatte er schnell gelernt, dass es drei Typen von Jungen gab. Der erste Typus zettelte einen Kampf an, das war JB, der zweite beteiligte sich nicht daran aber holte auch keine Hilfe, das war Malcolm, und der dritte versuchte tatsächlich einem zu helfen. Dieser Typus war am seltensten und Willem gehörte ihm an.“

Das sind sie Jude, JB, Malcolm, Willem. Juristen, Maler, Architekten, Schauspieler. Künstler und Lebenskünstler. Über fast 1000 Seiten und mehre Jahrzehnte entwickeln sich die Krisen und Geschichten. Viel Platz für die Suche nach der eigenen Identität, Sexualität, Zukunft. „So wie Jude hier. Er hat nie ein Date, wir kennen seinen ethnischen Hintergrund nicht, wir wissen eigentlich gar nichts über ihn. Post-sexuell, post-ethnisch, Post-Identität, Post-Vergangenheit. Der Post-Mann.“

In diesem Roman steckt also offener Diskurs. „Die Krise des Erzählens wird zur Metaebene des Melodrams“ wie es Buchkritikerin Karin Janker in der Süddeutschen Zeitung genannt hat. „Dieses Buch kann dich zur zur Weißglut bringen, dich verschlingen und dein Leben übernehmen.“ drückt es Jon Michaud vom New Yorker frenetisch aus. „Ein wenig Leben“, lesens- und auf Litradio auch hörenswert.

Die Veranstaltung fand am 16.03.2017 im Literaturhaus Stuttgart statt.

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