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Zahlreiche poetische Werke der letzten Jahre, die etwa Begriffstudio, Sachverstand oder Fachsprachen heißen, bezeugen eine starke Affinität von poetischem und theoretischem Begriff. Wie beziehen sich zeitgenössische Lyriker auf die Begriffsarbeit der Philosophen? Und was können umgekehrt akademische Versuche der Begriffsbildung von den Abstraktionsleistungen poetischer Sprache lernen? Jede Begriffsbildung vollzieht sich als ein poietischer Zirkel, wie er für die Philosophie beschrieben wurde: wir erkennen nichts durch Begriffe, wenn wir sie nicht zunächst erschaffen oder konstruieren, um eine neue Anschauung oder eine neue Ebene des Erkennens zu erschließen.

Damit ist ein Aspekt von Poetik angesprochen, der über die Frage nach dem Machen eines Textes hinausgeht und poiesis emphatisch als Produktion von Wissen denkt. Wie der philosophische zeichnet sich auch der poetische Begriff dadurch aus, dass er neue Variationen und unbekannte Resonanzen spürbar macht, ungewöhnliche Schnitte vollzieht, ein Ereignis herbeiführt, das uns überfliegt (Deleuze/Guattari). Und wie verhält sich ein solches poetisches Moment des Denkens in Dichtung und Philosophie zu der gemeinhin nur den Wissenschaften zugesprochenen Erforschung der Wirklichkeit? Die Abstraktionen, die poetisches Denken ermöglicht, und die experimentellen Strategien, denen Autoren folgen, ähneln in vieler Hinsicht wissenschaftlichen Versuchsanordnungen: sie sind prekäre Strategien der Wissensgewinnung ganz in dem Sinne, wie Hans-Jörg Rheinberger sie dem naturwissenschaftlichen Experiment attestiert. In Gesprächen mit ausgewählten Autoren soll es über literaturwissenschaftliche Poetologie und Autorenpoetik hinaus darum gehen, Korrespondenzen der verschiedenen Zugänge zu sondieren und für einander produktiv zu machen.

Ein Poesiegespräch über Glossare und Attrappen zwischen Ann Cotten und Anke Hennig

Ann Cotten, geb. 1982 in Iowa, USA, seit 1986 in Wien, Österreich, seit 2006 in Berlin. Studium der Germanistik, Abschluss mit einer Arbeit über Listen in der Konkreten Poesie. Publikationen und Sonstiges: Fremdwörterbuchsonette (edition suhrkamp, 2006), Das Pferd (Sukultur, 2007), www.glossarattrappen.de (2008), Nach der Welt. Listen in der Konkreten Poesie (Klever, 2008), Rotten Kinck Schow (Veranstaltungsreihe mit Sabine Scho und Monika Rinck, ab 2008;  www.rottenkinckschow.de ), Verschwörung und Verwechslung (Veranstaltungsreihe mit Joachim Wendel, 2008), Kritik und Cover (Ausstellung/Performance im Hotel Marienbad, KW Berlin, 2009), Phantasmagoria (Ausstellung mit Jo Vogl bei Martin Janda, Wien, 2009), Florida-Räume (Suhrkamp, 2010), I, Coleoptile (engl., Broken Dimanche Press, 2011), Pflock in der Landschaft (Schock-Edition, 2011), Helm Aus Phlox (mit Rinck, Popp, Jackson, Falb, Merve, 2011). Demnächst erscheint bei Suhrkamp “Der schaudernde Fächer” (Erzählungen), bei Engstler “Hauptwerk” (quasi Porno) und bei Broken Dimanche etwas Unbekanntes auf Englisch und Deutsch.

Gesprächsreihe ‘Poesie und Begriff’ (Organisation: Armen Avanessian, Anke Hennig und Steffen Popp):

spekulative-poetik

 

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