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“VERSschmuggel” ist ein Übersetzungsprojekt des Goethe-Instituts Mumbai. Deutsche Poeten treffen hierbei auf Kollegen aus Südasien und übersetzen gegenseitig ihre Lyrik. Beim diesjährigen Poesiefestival der Literaturwerkstatt Berlin, welches unter dem Motto “Kein schöner Land” stattfand, tragen vier beteiligte Dichterpaare ihre Werke vor.

Daniela Danz & Amar Sindhu (Pakistan) : Deutsch – Sindhi
Judith Zander & Rajendra Bhandari (Indien) : Deutsch – Nepali
Hendrik Jackson & Sajjad Sharif (Bangladesch) : Deutsch – Bengalisch
Orsolya Kalász & Mamta Sagar (Indien): Deutsch / Ungarisch – Kannada

Magnus Rust, durch den Abend zum Nachwuschspoeten avanciert, hat seine Impressionen in einem Gedicht gebannt:

Gemischtes Doppel

1.
Kirche als Klinkerbau verkleidet
diese sind die Magenwand
das Podium abschüssig
sakrale Beleuchtung.

Vorne Daniela Danz aus Hildesheim,
nicht unserem Hildesheim
neben ihr eine schwarz-weiße Frau
nicht dahin geschieden
nicht anwesend.

Vor uns eine Beobachterin
verkleidet als Elfriede Jelinek
ihr langes, graues Haar
hängt wie Tang den Stuhl entlang
Seide, Gaze, Firlefanz.

Ganz oben die Steckerleisten
ceiling’s the limit
festgezurrt an Stangen
gefangen elegant.

Zwei Unruhestifter
zwei ständige Bewegungen
kreiselt der Muzungu
der Fotograf im Dunkeln
im Halbkreis
um das Licht der Bühne
bewaffnet mit dem Objektiv
schießt er die Wahrheit
wo sie auf den Brettern liegt.

Der Muzungu fehl am Platz
hat er den Schuss nicht gehört?
verpasst das Paradoxon
vor seinen Augen
hinter seiner Linse.

Solo spricht ein Mann
über eine solo Frau
die solistisch poetisiert
was eine andere schrieb.

Der zweite Muzungu naht heran
tippelt mit quietschenden Nikes
finanziert seine Pfunde mit Pröven
record, edit, truth, online.

2.
Juli Z. aus Leipzig liest Lyrik
Juli C. aus Leipzig übt Europa
währenddessen in der Uckermark
Herr Sindhu im Federschmuck
Anzughose & Krawatte
auf Nepali gestimmt
will mit Fidayeen
das Wort vergleichen
will mit einzeln Sätzen
Orte brechen.

Seine Lyrik eine Lecture
aus Pakistan
aus dem Moleskine
mengt Kardamomfeld & Passfoto
zur Identität
die nicht satt macht.

3.
Jackson ist schwarz.
Shariff ist weiß.
Der erste hat erkannt
dass Lyrik Stimme braucht
mehr noch als Schrift.

So lallt Jackson erst,
zieht die Silben und Geschichten,
fängt langsam an
endet entschleunigt
Interferenz auf der Zunge
verliert und kommt an.

Schenkt Shariff Aufmerksamkeit
dreht sich weg
lauscht
Doktor Autopoiesis beginnt
was wiederkehrt in den Kladden
Klatschen
Kladeradatsch
Pferdeschwanz
Fotografen.

4.
splendid isolation im Duett
Sagar rechts rasselnd bereift,
left a digital watch
Tänzerfüße aus Kannada
Anti-Arktis
Post-Kolonie
Gegenwart aus
Karntaka.

Das Duo spielt zu dritt
Ein rotes Hemd erscheint als Jogi Löw
Beine verschlagen
Schuhsohle ins Publikum
Gitarrengriff und Rhythmus
aus den Fingerspitzen.

In der ersten Reihe hat sich
Ann Cotten als Ann Cotten
eingeschmuggelt
die hört wie die Nummer
mit einem Outro beginnt
und geht.
Orsolya steht als Magyar-Germanen
neben dem Wirbelwind
wie ein Wassertropfen.

5.
Meinung ist gemein
der Fadenschein
der spröden Vortragsart
ist durchsetzt mit Politik
doch die Übersetzung
macht aus Lieblichkeit und Klang
keine Liebhaber.

Der Fortsetzer bleibt der Fotograf
der weder hört, noch sieht.
Die fliehenden Aussagen
als Fragen formuliert
nimmt er nicht wahr
Muzungu Fotograf
& sein Freund
schießen nur ab
als Musikkontrakt
Körperkontakt wird.

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