Sofort steigen mir Schlagwörter in den Kopf, dabei habe ich noch kein einziges Wort gelesen, außer den Titel. »Fernost« erscheint als Wort vor meinem inneren Auge und es klingt nach einer Bezeichnung, die Marco Polo hätte benutzt haben können, als er die Seidenstraße entlang zog (oder zumindest beschrieb, wie es wäre die Seidenstraße entlang zu ziehen). »Fernost« klingt ähnlich modern wie »Indochina«, »Tschechoslowakei« oder Ukraine«, wenn man es »Ukreine« ausspricht. Das schwirrt in meinem Kopf bei der Installation Ziehe einen Kranich, die Rebecca Martin in der Dieselhalle präsentiert. Eine Installation, die den gesamten Festivalzeitraum hängt. Von der Decke hängen nämlich Origami-Kraniche an feinen Schnüren, an einer Wand daneben erklärt ein Schild lakonisch den Versuchsaufbau. »Schwarm«, »Formation«, »verborgener Code«, »Narration« zitiere ich die Schlagwörter der Installation. Konzeptkunst. Konzeptkunst, weil ich weiß, wer das Kunstwerk geschaffen hat. Den Text (die Texte genauer, ich komme darauf zurück) kamen von Rebecca Martin, doch ihren Weg auf Blätter, ihre Form fanden sie durch das Prosanova-Team, das in Sonntagssitzungen sich die Finger- und Gehirnwege blutig faltete. Dann wurde es gehangen. So meine Definition von Konzeptkunst. Auf dem Schildchen wird genannt, wer das Konzept gemacht hat, die Handwerker*innen dürfen Spaß beim Falten haben; Lohn genug.

Linearität adieu

Das hängen jetzt also hunderte (?) Kraniche von der Decke und an Tag 1 fragen die Augen der Besucher*innen noch: Was soll das? Einfach nur schön anzusehen? Doch wer das wenige nutzte, was man bekommen konnte (der Titel voran) verstand: Ziehe einen Kranich. Das ist unmissverständlich und auf dem Prosanova ist die Schwelle zum Glück niedrig genug und die Überlegenden griffen in das Kunstwerk, leiteten die nächste Stufe ein. Denn die Kraniche waren nicht nur Origami-Kunst, Symbole eines Vogels, sondern auch Trägermedien für Text. Träger von kleinen, zerhackten Fragmenten, die sich beim Zerfleischen der Kraniche ergaben. Aus dem hundertfach gesampelten Kranich, seinem generischem Aussehen, wurde individuelle Geschichten. Besser noch: Aus den Halb- und Viertelsätzen wurde wieder eine Geschichte. Als gewohnter Leser kann man sich selten einer Textbehauptung entziehen. Liest man zwei Sätze, unterstellt man ihnen schnell Zusammengehörigkeit, selbst wenn es keine zu finden gibt. Mit Stecknadeln konnten die Besucher*innen den so eben gefangen Kranich an die Wand pinnen. Mit jedem Fang wächst die Pinnwand, vergrößert sich der Buchstabenrelief und erst nachdem eine paar Mutige den Eingriffe gewagt haben, wird aus den vielen Zetteln eine Geschichte. Eine Geschichte einer Frau, eine Geschichte von Vögeln. Wer sich drauf einlässt, erlebt einen Pageturner, einen Pageunfolder. Hat man alle Zettelchen an der Wand überflogen (während des Hirn rattert und aus den arbiträr sortieren Sätzen Sinn macht), zieht man selbst einen Kranich aus dem Baldachin-Meer und fügt dem Text eine neue Facette hinzu. Linearität adieu.

Nicht weit entfernt vom Hipstertum

Kranich & Origami triggert neben »Fernost« noch andere Japanologien bei mir. Zen, Sushi, Go. Duldsamkeit, Ästhetik, Kintsugi und andere Klischees. Gleichzeitig steigt mir die Aneignung dieser Begriffe in den Kopf. Fremdwörter als Fluchtwege, als Utopien. Der Import von »Fremden« als Innovation in der eigenen Beschränktheit (zum Beispiel der Einfluss japanischer Holzschnitte auf die Klassiker der europäischen Avantgarden). Heute ist das Origami nicht weit entfernt vom Hipstertum. Triangles are my favorite shape, daran muss ich denken. Die Polygone der Kraniche sind Dreiecke, polygone Strukturen sind beliebte Tattoos und irgendwie trendy. An polgyonen Tier-Tattoos wird man in Zukunft Menschen verorten, die sich heute jung fühlen. Es gab Tribles, es gibt Polygone (nicht zu Verwechseln mit dem Grid à la Tron). Das schwirrt in meinem Kopf, als ich mich wieder der Dieselhalle und dieser Installation nähere, um meinen Arm gen Decke in den Schwarm zu recken. Doch nichts. Es hängen nur noch die Fäden. Die Wand ist bedeckt mit Textfragmenten. Ich beginne zu lesen.

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