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Lesen und Literaturvermittlung im digitalen Zeitalter

Konferenz, 7.10.2015

Goethe-Institut, Prag

Die Digitalisierung hat die die Kulturtechniken Lesen und Schreiben verändert. Wie diese Veränderungen gegenwärtig aussehen, welche Auswirkungen sie auf Kultur- und Bildungseinrichtungen und auf die Strategien der Verlage haben, diesen Fragen widmet sich die Konferenz. Sie greift darüber hinaus neue Rezeptionsformen von Literatur auf, die durch die Möglichkeiten digitaler Kommunikation und Vernetzung entstandenen sind. Internetbasierte Plattformen bringen Leser mit ähnlichen Interessen zusammen und ermöglichen einen Austausch über gelesene Bücher. Für diese Sozialisierung des Lesens hat sich der Begriff Social Reading etabliert. Als neuer Trend zeichnet sich eine innovative Form des Social Reading ab, die es Lesern erlaubt, auf E-Book-Plattformen direkt am Text des Buches Kommentare einzufügen, die andere Leser wiederum kommentieren können. Der Diskurs über das Buch beginnt damit bereits während der Lektüre. Die Möglichkeiten, die das textorientierte Social Reading eröffnet, sind ein zentrales Thema der Konferenz.

Lesen und Schreiben in der Engelbart-Galaxis

Mit der Digitalisierung werden die Kulturtechniken der Schrift nicht einfach in ein neues Medium übertragen. Vielmehr werden sie durch das digitale Medium geprägt und verändert, und parallel dazu verändern sich auch die Texte. Während das Zeitalter des Buchdrucks als „Gutenberg-Galaxis“ (Marshall McLuhan) bezeichnet wurde, kann man heute von einer “Engelbart-Galaxis” sprechen: Douglas Engelbart, der Erfinder der Computer-Maus, entwickelte die erste computergestützte Textverarbeitung in den 1960er Jahren und verband so die Kulturtechniken der Schrift mit den grundlegenden technologischen Entwicklungen seiner Zeit. Diese Entwicklungen – Automatisierung, Medienintegration und Vernetzung – bestimmen heute mehr denn je unseren Umgang mit Schrift. Im Vortrag wird gezeigt, wie sich dies auf Kulturtechniken und die Schriftkultur insgesamt auswirkt und auf was wir uns für die Zukunft einstellen müssen.

Henning Lobin (*1964) studierte Germanistik, Philosophie und Informatik. Nach Promotion (1991, U. Bonn) und Habilitation (1996, U. Bielefeld) wurde er 1999 auf den Lehrstuhl für Angewandte Sprachwissenschaft und Computerlinguistik an die Universität Gießen berufen.

Henning Lobin, © privat

Henning Lobin, © privat

Seit 2007 leitet er das Zentrum für Medien und Interaktivität und fungierte dort als Sprecher mehrerer Forschungsverbünde. Lobin ist Autor von sieben Monografien (zuletzt ‘Engelbarts Traum’, 2014, ‘Die wissenschaftliche Präsentation’, 2012, ‘Computerlinguistik und Texttechnologie’, 2010) und Herausgeber zahlreicher Sammelbände.

Ein Blick in die Hanser Box. Digitale Verlagsstrategien

Der digitale Wandel ist für Verlage Herausforderung und Möglichkeit zugleich. Nicht nur für
Aufmerksamkeitsgewinnung und Verbreitung, sondern auch erzählerisch und verlegerisch
öffnet sich ein Feld, das erst nach und nach erkundet wird. Einen Eindruck von diesen
Expeditionen gibt der Verlegerische Geschäftsführer des Hanser Verlags Jo Lendle.

Jo Lendle wurde 1968 geboren. Nach dem Studium der Kulturwissenschaften in Hildesheim
und Montreal studierte er am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 1996/97 war er
Herausgeber der Literaturzeitschrift Edit.

Jo Lendle, © Robert Haas

Jo Lendle, © Robert Haas

1997 nahm er die Arbeit im DuMont Buchverlag
auf, zunächst als Lektor für deutschsprachige Literatur, von 2010 bis Anfang 2013 als
Verleger. Daneben lehrte er u. a. an den Universitäten Hildesheim, München, Leipzig und
Biel. Zuletzt veröffentlichte er die Romane „Alles Land“ (2011) und „Was wir Liebe nennen“
(2013).
Seit Januar 2014 ist Jo Lendle Verlegerischer Geschäftsführer der Hanser Verlage.

Das Buch ist ein Ort. Was Social Reading sein kann

Dass Lesen eine einsame Tätigkeit sei, mag für viele stimmen. Genauso richtig ist aber auch, dass es das Lesen von Literatur ohne ein Gespräch über diese Literatur nicht gibt. Die Grenzen zwischen Lesen und Schreiben, zwischen Autor und Leser, Produzent und Konsument, werden neu definiert. Wir handeln neu aus, was überhaupt ein Buch ist. Wir schaffen Kontexte, in denen das Gespräch über Literatur stattfindet. Für dieses Gespräch ist die Gemeinschaft, wie groß oder klein auch immer, die sich aus Autoren und Lesern bildet, genauso wichtig wie der Text, den sie verfassen und lesen. Lesen und soziale Interaktion sind nicht mehr voneinander zu trennen. Social Reading macht die soziale Praxis, in der ein Buch steht, sichtbar und eben praktikabel.

Guido Graf (*1966) hat Germanistik, Kunstgeschichte und Politikwissenschaft studiert. Als freier Journalist hat er für überregionale Tages- und Wochenzeitungen geschrieben, dann arbeitete er vermehrt für den Rundfunk, produzierte zahlreiche Radiofeature und Hörspiele und moderierte von 1999 bis 2012 als freier Redakteur auf WDR3 das wöchentliche Büchermagazin „Gutenbergs Welt“.

Guido Graf, © Johanna Baschke

Guido Graf, © Johanna Baschke

Von 1995 bis 1999 betreute er den Bereich „Literaturvermittlung und Medienpraxis“ an der Universität Essen, seit 2008 lehrt er am Institut für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft der Universität Hildesheim. In der Forschung beschäftigt er sich mit neuen Formen der Literaturvermittlung und des Kulturjournalismus sowie mit Sozialer Poetik. 2009 gründete er gemeinsam mit einer Gruppe von Studierenden die Online-Plattform Litradio. 2012 organisierte er im Auftrag der Kulturstiftung des Bundes den internationalen Thinktank „Litflow“ für die „nächste Literatur“ und 2013 die Tagung „Litfutur. Neue Formen der Literaturvermittlung“ (litfutur.de). Er organisierte verschiedene Projekte zum Thema Social Reading, zuerst „100 Tage Unendlicher Spass“ (unendlicherspass.de) und zuletzt „Frau und Gitarre. Blog für betreutes Lesen.“ (frau-und-gitarre.de).

 

In Kooperation mit dem Institut für Germanische Studien der Karls-Universität Prag

Literatur:
Engelbarts Traum: Wie der Computer uns Lesen und Schreiben abnimmt / Henning Lobin. Frankfurt a.M.: Camps Verlag, 2014.

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