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Ränder. Theorien der Literatur II

Oskar Pastior. Ulf Stolterfoht Ränder. Theorien der Literatur II. Episode 4

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Oskar Pastior: Am Rande denkst du

Am Rande, denkst du, denkst du Sätze, die dich den-
ken. Du denkst, sie denken dich. In deinen Sätzen
bist du an ihrem Rand. Du bist eine Anrandung von

Sätzen, die dich an den Rand stoßen, Gegensätzen,
und auch an denen wandelst du entlang. Sätze, die
dich gegensätzlich denken, wandeln dich an und den-

ken Gegensätze, die du nicht denkst. An deinen Tat-
beständen kommst du nicht vorbei – es sind seltsame
Sätze. Du kannst an sie denken, sie denken nicht an

dich, sie denken dich seltsam am Rande, du bist ei-
ne Anwandlung von ihnen, die an Gegensätzen nicht
vorbeikommen. Am Rande der Sätze, in denen du bist,

liegst du noch ganz am Rand, wenn du darüber hinaus
denkst. Auch sie denken dich hinüber doch an ihren
Tatbeständen kommen sie nicht vorbei. Es sind nur

Sätze, die nur denken können. Du denkst, sie denken
dich, sie denken, du denkst sie, es ist eine Ver-
schwörung an den Sätzen, die dich nicht abwerfen

können, die du nicht abwerfen kannst, ein Inzest.
Am Rande des Denkens, solange du denkst, liegst du
in Sätzen an Sätzen, noch kann dich keiner über den

Rand verstoßen, den du nicht denkst, seltsam, du 
bist nur in Sätzen in Sicherheit, die dich wiegt,
und nur in Sätzen in Freiheit, aber in welcher.

(Oskar Pastior:  Wechselbalg. Gedichte 1977-1980. Verlag Klaus Ramm: Spenge 1980.

Dieses Gedicht war der Anstoß zur Vorlesung Ränder – Theorien der Literatur II. Warum? Darüber spreche ich mit dem Lyriker Ulf Stolterfoht, der auch Mitglied im Stiftungsrat der Oskar Pastior Stiftung ist.

Geboren wurde Oskar Pastior 1927 in Hermannstadt (Siebenbürgen); 1945–1949 Deportation ins sowjetische Arbeitslager im Donbas. Nach der Rückkehr Gelegenheitsarbeit, Studium der Germanistik und schließlich Rundfunktätigkeit in Bukarest. 1964 erschien der erste Gedichtband Offne Worte. 1968 Flucht in den Westen. Lebte seit 1969 als freier Schriftsteller in Berlin. Mitglied der Werkstatt für Potentielle Literatur, «OuLiPo», die alle drei Jahre im Literaturhaus Berlin tagt. Ebenso war Pastior Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt und der Akademie der Künste in Berlin. Oskar Pastior starb am 4. Oktober 2006 in Frankfurt a.M. Die Verleihung des ihm zugesprochenen Georg Büchner-Preises konnte nur noch posthum erfolgen.

Oskar Pastior wurde nach seinem Tod vorgeworfen, dass er 1961 eine Verpflichtungserklärung bei der Securitate, dem rumänischen Geheimdienst, unterschrieben hat, in der er sich verpflichtet, als IM für sie tätig zu sein, und dass er diese Verpflichtung sieben Jahre lang bis zu seiner Ausreise aus Rumänien 1968 nicht widerrufen hat. Seine tatsächlichen Spitzeltätigkeiten können nach heutigen Erkenntnissen als harmlos eingestuft werden. Dennoch hat diese Offenbarung auch die Rezeption seines Werks beeinflusst.


Ulf Stolterfoht wurde 1963 in Stuttgart geboren. Nach dem Abitur Zivildienst (Forstarbeit mit Obdachlosen). Danach ein Studium der Germanistik und Allgemeinen Sprachwissenschaft in Bochum und Tübingen. Seit 1994 lebt er in Berlin, seit 2000 als freier Schriftsteller und Übersetzer (u.a. Gertrude Stein, J.H. Prynne und Tom Raworth). Er ist Lyriklehrer an den Instituten in Wien, Biel, Kopenhagen und immer mal wieder in Leipzig. 2009 hatte er die Poetikdozentur an der Universität Hildesheim. Ulf Stolterfoht ist Knappe der Lyrikknappschaft Schöneberg und seit 1982 Teil des Impro-Kollektivs DAS WEIBCHEN. Im Herbst 2014 nahm sein Verlag BRUETERICH PRESS die Tätigkeit auf: „Schwierige Lyrik zu einem sehr hohen Preis“

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Der Literarische Salon ist ein Forum für Kultur Medien und Gesellschaft an der Leibniz Universität Hannover und verbindet Kultur, Wissenschaft und Technik.
Der Literarische Salon bietet als Schnittstelle zwischen Universität und Außenwelt allen Interessierten die Gelegenheit, das Kulturgeschehen als einfallsreiche und lebendige Gesprächskultur wahrzunehmen. Im 14. OG des ehemaligen Conti-Gebäudes werden Personen und Themen aus den Bereichen Literatur, Wissenschaft, Medien, Theater, Film und Kunst vorgestellt – in ungezwungener Atmosphäre, durch Lesungen, Vorträge, moderierte Gespräche und nicht zuletzt durch den Austausch zwischen Gästen und Publikum.

Der Salon wird seit April 1999 von verschiedenen öffentlichen Institutionen und Stiftungen sowie privaten Förderern unterstützt. Seitdem finden die Veranstaltungen des Salons unabhängig von den Semesterzeiten statt.

www.literarischer-salon.uni-hannover.de

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