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Katerina Poladjan & Albdalrahman Alqalaq. Ränder 5

Ränder. Theorien der Literatur II. Gespräche

Gespräch

Albdalrahman Alqalaq: Heimatkomplex

Heimat, und ich sage mit Absicht DER.
Wie DER Mond ein verlorengegangenes Kind verfolgt ER mich.
Wie DER Lehrer, der dich unterweist in Disziplin und Selbstbeherrschung
mit Ruten- und Stockschlägen, du kniest auf einem Scheit.
Gemeinsam aufstehen, gemeinsam setzen, gemeinsam im Chor:
Gemeinsam den größten Herrn preisen.
Gemeinsam fortgehen,
aber allein hier im GRAU bleiben
oder im BLAU dort ertrinken.

Heimat, und ich sage mit Absicht DER,
der die Straße zu seinem Amt asphaltiert
und dich den Fahnenmast in den Himmel hochklettern lässt,
während du im Schlamm geboren bist.
Heimat, und ich sage mit Absicht DER.
Wie ein zahmer Hund, über Nacht tollwütig geworden,
der dich bis auf die Knochen frisst, wenn du ihm nichts mehr gibst.

Und doch ist DIESER Heimat mein eigenes Kind,
ungewollt ausgetragen,
unter Schmerzen empfangen,
und immer noch in mir
als Wehen mein Leben lang und für immer,
so dass ich mich manchmal frage, warum ich es nicht
erstickt habe
in einer Nacht
unter dem Kissen?
So dass ich mich manchmal frage, warum ich es nicht
abtrieb,
dieses Kind,
als ich entdeckte, wie sein Krebs in mir wucherte?

Ich bin es selbst, das verlorene Kind.
Ich selbst bin die Mutter, Medea, die ihre Kinder vor 2500 Jahren ermordete.
Ich selbst bin der Lehrer, der gute, der hartherzige, der patriotische Lehrer.
Ich selbst bin der Hund vor der Tür, verlassen im Schnee. Nein –
Ich bin NUR das Kind, das von der Mutter den Krebs
erbte, den Krebs des Lehrers der Heimat.

Nur manchmal, wenn ich am Mittelmeer spiele
mit Sand, fein und feucht, wo ein Anker liegt,
sieht mich DER Heimat als sein Kind und lässt mich
nach Mutter rufen.
Nun rufe ich und frage mich:
Mutter, ist all die Erfahrung es wert, hier zu sein?
Mutter, ich würde mich gern an dem Anker festhalten,
aber das Meer hier riecht nach grobem, nach salzigem Tod.

Und wenn die Welt schläft, lass ich deine
ermüdete Möwe ein
zum Schlafen in meiner Brust.
Doch kaum ist sie dort mit kreischender Kunde,
bricht ihr die Schwinge,
so schmerzt meine Brust,
so sehr schmerzt der Abschied
von dir.

„Stell dir vor“, sagt Lilith im Herbst 2014 in der armenischen Hauptstadt Jerewan zu Katerina Poladjan, „du erzählst die Geschichte deines Großvaters, und jemand sagt dir, dass sie nicht wahr ist, dass du lügst.“

Katerina Poladjan schreibt dazu: „Ich habe einen armenischen Namen. Ich kann kein Armenisch. Ich lausche den Worten und verstehe sie nicht. Ich höre nur das Raunen, das Rauschen. In Armenien konnte ich mich auf Russisch unterhalten. Ich bin hingefahren, ich wollte das Land sehen, dem ich meinen Namen verdanke.“ In diesem Kontext ist ihr dritter Roman Hier sind Löwen entstanden, eine Spurensuche, eine Tiefenbohrung: Die Buchrestauratorin Helen ist in Moskau geboren, ihre Familie kommt jedoch aus Armenien und auf Drängen ihrer Mutter reist sie nach Jerewan, wo ihr eine alte Familienbibel in die Hände fällt. Dieses Buch gehörte einst der 14-jährigen Anahid und ihrem kleinen Bruder, deren Geschichte in einer zweiten Erzählebene entwickelt wird. Poladjan erzählt die beiden durch die Bibel miteinander verknüpften Geschichten.

Katerina Poladjan wurde 1971 in Moskau geboren, kam als Kind nach Deutschland. Sie arbeitet als Schauspielerin und Autorin und lebt mit ihrer Familie in Berlin. 2011 erschien der erste Roman In einer Nacht, woanders im Rowohlt Verlag. 2015 folgte der Roman Vielleicht Marseille und 2016 der literarische Reisebericht Hinter Sibirien. Eine Reise nach Russisch-Fernost, den sie gemeinsam mit dem Autor und Regisseur Henning Fritsch schrieb. 2015 nahm Poladjan am Ingeborg-Bachmann-Preis 2015 teil und 2019 erschien der Roman Hier sind Löwen, der für den Deutschen Buchpreis nominiert war.

Abdalrahman Alqalaq ist ein syrisch-palästinensischer Lyriker, der in Damaskus geboren wurde und nun in Deutschland lebt.

Beide verbindet die Liebe zum Wort und zum Spiel: Katerina Poladjan und Abdalrahman Alqalaq. Für die Plattform Weiterschreiben.Jetzt haben sie sich wechselseitig geschrieben, über Gott und Teufel, ihrer Sehnsucht nach Katzen, von Kampffliegern und trauernden Zitronenbäumen. Und über die Frage: Was tue ich eigentlich hier auf dieser Welt?

Nach der Lektüre von Hier sind Löwen schreibt Abdalrahman Alqalaq an Katerina Poladjan:

„Hätte ich Deiner Protagonistin etwas sagen können, hätte ich ihr ein paar Sätze aus einem Text zugeflüstert, den ich im September 2015 an einen Freund schrieb, als ich befürchtete, die griechische Küste niemals zu erreichen. Ich würde Anahid sagen: Bevor du deine Heimat verlässt, leg das Verlangen ab, das Denken und die Erinnerung an den Duft der Haut der Menschen, die du liebst. Wenn du kannst, zerreiße die inneren Bilder.“

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Kultur, Medien und Gesellschaft

Der Literarische Salon ist ein Forum für Kultur Medien und Gesellschaft an der Leibniz Universität Hannover und verbindet Kultur, Wissenschaft und Technik.
Der Literarische Salon bietet als Schnittstelle zwischen Universität und Außenwelt allen Interessierten die Gelegenheit, das Kulturgeschehen als einfallsreiche und lebendige Gesprächskultur wahrzunehmen. Im 14. OG des ehemaligen Conti-Gebäudes werden Personen und Themen aus den Bereichen Literatur, Wissenschaft, Medien, Theater, Film und Kunst vorgestellt – in ungezwungener Atmosphäre, durch Lesungen, Vorträge, moderierte Gespräche und nicht zuletzt durch den Austausch zwischen Gästen und Publikum.

Der Salon wird seit April 1999 von verschiedenen öffentlichen Institutionen und Stiftungen sowie privaten Förderern unterstützt. Seitdem finden die Veranstaltungen des Salons unabhängig von den Semesterzeiten statt.

www.literarischer-salon.uni-hannover.de

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