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„Warum die Gerechtigkeit kein Tisch ist“

justice "Warum die Gerechtigkeit kein Tisch ist"

Was ist Gerechtigkeit? Dieser zentralen Frage widmeten sich die philosophische Beraterin Dr. Jutta Bechmann und HOHE LUFT-Chefredakteur Thomas Vašek am 06.02. im Rahmen des dritten HOHE LUFT_live-Abends in der modern life school. Während es relativ einfach ist, einen Tisch als solchen zu identifizieren, ist die Gerechtigkeit um ein Vielfaches schwerer zu fassen. Warum also ist die Gerechtigkeit kein Tisch?Weil Gerechtigkeit eben immer etwas Subjektives ist, erklärt Dr. Jutta Bechmann.

Wir alle haben unterschiedliche Vorstellungen davon, was gerecht ist und was nicht. Mein Ideal von Gerechtigkeit muss nicht zwingend jedermanns Ideal sein. Somit kann niemand Allgemeingültigkeit für seine Idee von Gerechtigkeit beanspruchen.Wie unterschiedlich die Vorstellungen sein können, lässt sich an der Kontroverse über die Todesstrafe veranschaulichen. Einige sehen darin eine Form von Gerechtigkeit, im Sinne einer „gerechten Strafe“. Andere wiederum sehen in der Todesstrafe einen Akt der Rache und Vergeltung, der mit Gerechtigkeit nichts zu tun hat. Wer kann schon entscheiden, welche Ansicht „richtig“ und welche „falsch“ ist, ohne dabei seine eigene Überzeugung zum Ausdruck zu bringen? Und wenn nun alle absolut gleich behandelt würden? Wäre das nicht vielleicht die eine objektive Gerechtigkeit, nach der wir suchen?

Dr. Jutta Bechmann verwirft diesen Ansatz und verweist auf den Umstand, dass die Natur selbst ja schon nicht gerecht ist. So werden manche Menschen in reiche, andere in arme Verhältnisse hineingeboren, manche kommen kerngesund auf die Welt, während andere mit Behinderungen leben müssen. In diesem Fall, argumentiert Bechmann, wäre eine Gleichbehandlung sogar ungerecht. Gerade auf Menschen mit Behinderungen müsse besondere Rücksicht genommen werden. Menschen sind von Natur aus nicht gleich, können wir sie also überhaupt gleich behandeln? Jedem das Seine oder jedem das Gleiche? Von Gerechtigkeit kann man sprechen, wenn jeder bekommt, was er verdient, meint Thomas Vašek. Aber wer legt fest, was jeder verdient?

Vor diesem Hintergrund greift Vašek auf die Verknüpfung von Gerechtigkeit mit Gleichheit zurück: Vielleicht ist Gerechtigkeit nicht gleich Gleichheit, aber zumindest müssen wir eine geschaffene Ungleichheit begründen. Wenn eine Lehrerin einen fehlerfreien Test mit „Ungenügend“ bewertet, muss sie ihre Handlung erklären und die Note hierdurch legitimieren.Gerechtigkeit, oder in dem Fall Ungerechtigkeit, hat also auch immer mit Macht zu tun. Die Lehrerin kann Macht ausüben, wenn sie ihre Schüler bewertet. Sie kann ungerecht sein. In diesem Zusammenhang verweist Vašek darauf, dass Gerechtigkeit auch vor Willkür schützt: Sie sorgt dafür, dass wir Konsequenzen fürchten müssen, wenn wir ungerecht sind.Die Lehrerin müsste die unfaire Test-Bewertung sinnvoll begründen. Kann sie das nicht, muss sie ihr Handeln zumindest vor dem Schulleiter oder im schlimmsten Fall vor dem Verwaltungsgericht rechtfertigen.Wie aber verhält es sich mit der Gerechtigkeit auf staatlicher Ebene?

Wenn die Bürger Schüler sind, wer ist die Lehrerin? Im Idealfall sorgen unsere Gesetze für Gerechtigkeit. Zu wissen, dass Recht gesprochen wird, es also rechtens zugeht, mag unseren Gerechtigkeitssinn ausreichend befriedigen. Aber wer sorgt eigentlich für globale Gerechtigkeit? Wir verfügen über kein verbindliches „Weltrecht“. Es gibt keine Lehrerin-Instanz, die darauf achtet, dass nicht rücksichtslos ausgebeutet und auf Kosten anderer Länder Profit gemacht wird. Na, wenn das mal nicht ungerecht ist …

– Christina Geyer –

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