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Wenige Preise können bei ihrer Verleihung wohl so viele Zuschauer erwarten wie der Ingebach-Borgmann-Preis auf dem Prosanova 17. Der doch recht große Raum im ALDI ist bis zur Gänze gefüllt und am Eingang gab es sogar irgendwann einen Einlass-Stop. Nichtsdestotrotz ist der Ingebach-Borgmann-Preis noch ein recht junger unter den deutschen Literatur-Preisen und der erste, der sich eben an Literatur-Preise richtet.

Wir als Publikum lernen zuerst von der deutschen Preislandschaft, indem uns nämlich Sven Schaub auf ganz sympathische Art und Weise die Zahlen darlegt. In seiner nonchalant kühlen Rede wird er eigentlich nur von Malte Abraham übertroffen, der die heutige Verleihung anleitet und uns zusätzlich noch die Regeln erklärt.

Florian Kessler, Nikola Richter und Paul Brodowsky stellen jeweils einen Preis vor und in drei Runden unterteilt in die Themen Bewerbungsverfahren, Vergabe-Verfahren und Kosten/Nutzen wählt die Jury nach einem Gespräch unter den drei Preisen einen Gewinner. Die Jury, das sind in diesem Fall fünf Menschen aus dem Publikum, ausgestattet mit Papptellern auf denen die Initialen der RepräsentantInnen stehen. Nach jeder Runde werden Punkte verteilt und der Preis mit den meisten Punkten in allen Runden gewinnt den Ingebach-Borgmann-Preis.

Natürlich ist diese Verleihung vor allem ein Ort der Kritik, der Kritik nämlich an der deutschen Preislandschaft, in der ein Großteil der Entscheidungen in Hinterzimmern und von älteren Journalisten, Autoren, Bürgermeistern, eben Männern getroffen wird.

Aber hier wird sich auch eine weitere wichtige Frage gestellt, nämlich: wie kann man es anders machen? Die vorgestellten Preise sollen nämlich besser sein, als das, was sonst geschieht.

Vorgestellt werden der Münchner Lyrikpreis (Florian Kessler), die Hot List (Nikola Richter), sowie der Internationale Literaturpreis – Haus der Kulturen der Welt (Paul Brodowsky). Die Diskussionen werden moderiert von Chris Möller. Zumindest glaube ich das, da die Bestuhlungssituation es ab der dritten Reihe nicht mehr wirklich ermöglichte, einen Blick auf die RednerInnen zu werfen, die auch alle saßen.

Die Preise

Den Münchner Lyrikpreis gibt es seit 2010 und seit 2016 wird er vom dafür gegründeten Lyrikpreis München e.V. ausgetragen. Es gibt zwei Vorrunden-Lesungen in denen jeweils fünf AutorInnen gegeneinander antreten. Ausgewählt werden diese zehn von einer Vorjury, die nicht mit der Jury bei den Lesungen übereinstimmt. Die AutorInnen lesen dann jeder 5 Minuten ihre Gedichte vor, die Lesungen sind generell öffentlich für alle und die danach stattfindenden Jury-Diskussionen ebenfalls. Vor allem sollen die AutorInnen bei ihren eigenen Texten nach Möglichkeit die ganze Zeit mitreden und diskutieren und die Jury ihre Ansichten direkt auf die Texte bezogen darlegen. In jeder Vorrunde gibt es zwei GewinnerInnen, die dann wieder in einem genau so offenen Finale gegeneinander antreten. Der Teilnahmebeitrag geträgt 10 Euro, was wichtig ist, da der Preis sich auch durch die Beiträge finanziert, ansonsten zu einem Großteil aus öffentlicher Hand. Desweiteren übernimmt der Preis die Reisekosten der Teilnehmenden. Dotiert ist er mit 1.000 Euro. Das Ziel des Wettbewerbs ist Transparenz bei Literaturpreisen zu erhöhen und dabei mit gutem Beispiel voran zu gehen, als auch den Dialog über den Text in den Mittelpunkt der Preisfindung zu setzen.

Die Hotlist gibt es seit 2009. Er zeichnet unabhängige Verlage aus und ist mit 5.000 Euro dotiert. Interessant hier ist zum Beispiel, dass es kaum formelle Regelungen die Einsendungen betreffend gibt, was heißt, dass alle literarischen Gattungen gleichermaßen ausgezeichnet werden können. Die Verlage bewerben sich selbstständig mit ihren besten Büchern und eine Jury aus sieben Personen bestimmt den Hauptpreisträger, aber stellt auch die Liste zusammen. Desweiteren wird die Liste aber auch durch eine Abstimmung im Internet um drei Titel ergänzt. 2014 bewarben sich zuletzte 143 Verlage um den Preis. Verlage können sich mit nur einem Buch jedes Jahr bewerben und müssen eine Teilnahmegebühr von 30 Euro zahlen. Gewinnen kann zwar nur ein Buch, aber dennoch sind auf der Hotlist dann insgesamt zehn Titel vertreten. Es geht hier vor allem darum auch die unabhängigen Verlage auszuzeichnen, die oft bei anderen Verleihungen übergangen werden, bzw. oft keine große Stimme im Literaturbetrieb haben.

Der internationale Literaturpreis wird seit 2009 vom Haus der Kulturen der Welt un der Stiftung Elementarteilchen vergeben. Der Preis ist mit 35.000 Euro dotiert. Einmal 20.000 Euro für den oder die AutorIn sowie 15.000 für ÜbersetzerInnen. Ausgezeichnet werden Titel internationaler Gegenwartsliteratur mit deutscher Erstübersetzung. Beim Fest der Shortlist werden alle Titel der Shortlist durch Lesungen vorgestellt, sowohl in Übersetzung als auch in Originalsprache, dabei gibt es Lesungen und Gespräche. Desweiteren gibt es seit 2017 ein Residenzprogramm im Rahmen des Literarischen Colloquiums Berlin, bei dem sich ehemalige Preisträger-Duo noch einmal mit neuen Projekten präsentieren können.

Der Wettbewerb

Eingeleitet wird jede Runde mit Videos, die uns den historischen Backround und die Person Ingebach Borgmann näher bringen. Sie wirken wie klassische Ausschnitte aus ZDF-Dokus und sind in ihrer Art einfach wundervoll. Gemacht hat diese Videos Benjamin Quaderer, einer der Mitbegründer des Prosanova, aber das sind einige der heute Abend hier anwesenenden.

Beim Bewerbungsverfahren gewinnt eindeutig Paul Brodowsky, was wohl vor allem daran liegt, dass sein Preis keine Einschreibegebühr verlangt, wie es bei den anderen beiden der Fall ist. Bei der Hot List bezahlen das zwar die Verlage, aber der Jury gefällt das trotzdem nicht.

Die längste Runde, bzw. das längste Gespräch gibt es wohl beim Vergabe-Verfahren, was verständlich ist, da hier auch oft die größten Kritikpunkte vorhanden sind. Es geht in diesem Gespräch um Fragen von Sexismus und Gender. Darum, warum die Jury bei Preisen meistens aus Männern besteht und warum es auch meistens Männer sind, die ausgezeichnet werden – und eben auch in beiden Fällen weiße Männer.

Die Diskussionen werden leider oft wieder darauf zurück gebracht, dass es sich hier um einen Wettbewerb handelt, was die Gespräche leider oft entstellt und ihnen ihren kritischen Kern nimmt und sie wieder zur Werbung für das eigene Projekt umwandelt.

Am Ende gewinnt dann Florian Kessler. Das liegt unter anderem daran, dass sein Preis als einziger eine offene Jury-Diskussion beinhaltet. Beim Abschluss des Münchener Lyrikpreises lesen die AutorInnen öffentlich vor Publikum und anschließend redet die Jury genau so öffentlich über die Texte und bestimmt den oder die PreisträgerIn. Das alles immer auch mit dem Gedanken, dass sich die Jury bei jeder Entscheidung vor dem gesamten Publikum rechtfertigen muss.

In der dritten und letzten Runde geht es um Kosten und Nutzen, die Runde, die leider auch am kürzesten ausfallen muss. In dieser Runde werden die Argumentationsstile wohl am deutlichsten. Paul Brodowsky erklärt den Nutzen seines Preises aus einer gesellschaftlichen Perspektive und meint, dass bei dem Vergabe-Verfahren eben ganz oft auch politische Entscheidungen eine Rolle spielen und die Verleihung in der Regel auch eine Diskussion innerhalb der Gesellschaft und des Kulturbetriebs fördert und fordert. Desweiteren sei es auch ein ganz besonderer Preis, da er nicht nur AutorInnen sondern auch ÜbersetzerInnen auszeichnet.

Leider wird in dieser Runde nicht genau klar, welchen Nutzen Nikola Richters Preis haben kann, da sie einen Großteil ihrer Redezeit damit verbringt, gegen die anderen Preise zu argumentieren. Was hängen bleibt, ist, dass die Hot List vor allem kleine Verlage unterstützt und ihnen eine demokratische Plattform gibt. Desweiteren nimmt sie sich selbst den Wettbewerbs-Gedanken, da es eben eine Liste ist mit vielen Namen und nicht nur eine Person, die dann den Preis gewinnt und glücklich nach Hause geht.

Florian Kessler stellt seinen Preis als einen wichtigen Schritt in der Karriere junger AutorInnen vor. Als ersten Fuß in der Tür des Literaturbetriebs. Paul Brodowsky gewinnt die letzte Runde und mit den meisten insgesamt für seinen Preis abgegebenen Stimmen auch den Ingebach-Borgmann-Preis.

Es war eine unterhaltsame Veranstaltung, auch wenn der Wettbewerbscharakter leider die wirklich guten Diskussionen zur Preislandschaft etwas gestört hat. Weiterhin muss man den ModeratorInnen lassen, dass sie einen wirklich guten Job geleistet haben und Chris Möller an den richtigen Stellen die richtigen Fragen gestellt hat. Auch die Nominierten haben ihre Preise schön und mit Witz dargestellt. Allen war bewusst, dass ihre Preise nicht perfekt sind und es den perfekten Preis wahrscheinlich gar nicht geben wird, aber die Veranstaltung war ein Aufruf sich mehr mit dieser Thematik auseinanderzusetzen und das ist das Entscheidende. Es war ein schöner Ingebach-Borgmann-Preis.

 

Benjamin Quaderer

Benjamin Quaderer, geboren 1989 in Feldkirch, Österreich, und aufgewachsen in Liechtenstein, studierte Literarisches Schreiben in Hildesheim und in Wien. Er war Mitherausgeber der Literaturzeitschrift BELLA triste und Teil der künstlerischen Leitung von PROSANOVA 2014 – Festival für junge Literatur.

Chris Möller

Chris Susan Möller, geboren 1988 in Meschede, studierte bis 2013 Germanistik und Philosophie in Kassel. Ab April 2013 Arbeit als freie Regie- und Produktionsassistentin in Berlin und München und ab Oktober 2014 Masterstudium der angewandten Literaturwissenschaften an der FU Berlin. Sie ist Mitbegründerin der Lesesreihe Kabeljau & Dorsch und Mitherausgeberin der gleichnamigen E-Book Anthologie, die 2016 mit dem deutschen eBook Award ausgezeichnet wurde. Darüber hinaus arbeitet sie als Literaturvermittlerin in verschiedenen Veranstaltungsformaten und seit 2016 als Volontärin im Suhrkamp Verlag.

Florian Kessler

Florian Kessler wurde 1981 geboren. Er studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim, arbeitete als Journalist und ist heute Lektor für deutschsprachige Literatur im Carl Hanser Verlag in München.

Malte Abraham

alte Abraham, geboren 1988 in Hamburg. Studium der Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst in Wien und Szenisches Schreiben an der UdK Berlin. Er war Stipendiat des 18. Klagenfurter Literaturkurses. Veröffentlichungen u.a. in der Edit, Bella Triste und Jenny. Sein Theaterstück „Die Rückseite der Landschaft“ lief im Rahmen der Werkstatt neue Stücke am Deutschen Theater. Er ist Veranstalter der Lesereihe Kabeljau & Dorsch und Herausgeber der gleichnamigen Anthologie, die 2016 mit dem deutschen eBook Award ausgezeichnet wurde, sowie Initiator der Theaterbuchreihe STILL Drama. Lebt in Berlin.

Nikola Richter

Nikola Richter, geb. 1976 in Bremen, leitet den Verlag mikrotext für E-Books und Bücher, vor allem für zeitgenössische, grenz- und genreüberschreitende Literatur zu aktuellen Themen. Für ihre Tätigkeit als Verlegerin wurde sie bereits mehrfach ausgezeichnet. Als Autorin veröffentlichte sie bisher drei Lyrikbände, einen dokumentarischen Roman und einen Band mit Erzählungen. Sie lebt in Berlin.

Paul Brodowsky

geboren 1980, studierte bis 2005 Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Uni Hildesheim; begründete mit Wiebke Späth gemeinsam die BELLA triste; war Initiator/ Miterfinder/ Mitglied der künstlerischen Leitung von PROSANOVA 2005; schreibt primär Prosa und Theatertexte; unterrichtet Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin.

Sven Schaub

Sven Schaub, geboren 1986 in Wilhelmshaven, bis 2014 Studium der Sozialpädagogik in Lüneburg und Berlin, war bis 2016 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der FSU Jena und promoviert derzeit. Literarische Veröffentlichungen in DER GREIF und im STILL Magazin. Er ist Mitbegründer der Lesereihe Kabeljau & Dorsch und Mitherausgeber der Kabeljau & Dorsch E-Book Anthologie, die 2016 mit dem deutschen eBook Award ausgezeichnet wurde.